Motorräder im Osten

In den 90er Jahren hatte ich die Gelegenheit, dass MZ-Werk in Zschopau zu besichtigen. MZ versuchte zu der Zeit Anschluss an den westliche Motorräder zu finden, was bekanntlich nicht gelang. Im Jahre 2012 musste MZ Insolvenz anmelden. Schade eigentlich, die neuen Motorräder hätten ihre Lücke zwischen den Supersportlern und den Cruisern der neunziger Jahre finden können. Aber auch vor der Grenzöffnung baute man im Osten Motorräder, die zu der Zeit mit denen aus dem Westen zumindest qualitativ mithalten konnnten.

Planwirtschaft, Rohstoffmangel, Embargo. Klingt nach den denkbar schlechtesten Zutaten für gute Technik. Trotzdem hat die DDR-Motorradindustrie ein paar Maschinen gebaut, die technisch cleverer waren als das, was drüben im Westen vom Band lief. Nicht glanzvoll, nicht glamourös. Aber durchdacht. Genau das Gegenteil von dem Klischee, das man im Kopf hat, wenn jemand „Ost-Motorrad“ sagt.

Der YouTube-Kanal »Alles im Detail« hat sich fünf Modelle vorgenommen.

IFA/MZ BK 350 – die „Ostgummikuh“

Baujahr ab 1952. Zweitakt-Boxermotor, 343 cm³, 15 bis 17 PS – so weit, so unspektakulär. Interessant wird’s beim Antrieb: Kardan statt Kette. Kein Nachspannen, keine Schmiererei, kaum Verschleiß. Der Spitzname „Ostgummikuh“ kam vom gemütlichen Fahrverhalten und dem Boxersound. Im Vergleich zu einer BMW R 25 aus dem Westen war sie deutlich günstiger zu haben – wenn man denn eine kriegte. Die DDR-Wartelisten waren lang. Typisch.

Simson S 51 – 60 km/h

Ab 1980. Und hier wird’s fast unfair im Vergleich zum Westen: Wer in der DDR 15 war und einen einfachen Mopedführerschein hatte, durfte 60 km/h fahren. Im Westen waren Jugendliche auf 25-km/h-Mofas festgenagelt. Die S 51 hatte ein Vierganggetriebe und einen geschweißten Stahlrohrrahmen – gebaut wie ein echtes Motorrad, nicht wie ein Mofa mit Ambitionen. Die Sonderregelung zur 60-km/h-Typgenehmigung gilt übrigens bis heute fort. Deshalb sind original erhaltene Simsons nach wie vor gesucht und entsprechend teuer.

MZ ES 250

Ab 1956. Konsequenter Wetterschutz war das Thema: vollgekapselte Langschwinge vorn, komplett geschlossener Kettenkasten, dazu der markante Tank, der den Fahrtwind aerodynamisch an den Knien vorbeiführte – daher der Spitzname. Über 200.000 Stück gebaut, international im Dauereinsatz, von Osteuropa bis Afrika und Südamerika. Wenn eine Maschine über Jahrzehnte in drei Kontinenten läuft, macht sie irgendwas richtig.

MZ TS 250 – die Behördenmaschine

Ab 1969. Das Highlight: Getrenntschmierung. Kein Gemisch mehr von Hand mischen und tanken, eine Ölpumpe dosierte je nach Last automatisch die richtige Menge Frischöl. Dazu ein Fünfganggetriebe und ein Fahrwerk, das schlechteste Straßen einfach weggesteckt hat. Kein Wunder, dass sie in Afrika massenhaft als Polizei- und Behördenmotorrad lief. Exportiert in über 100 Länder.

MZ ETZ 250 – der Exportschlager bei Neckermann

Ab 1981. 12-Volt-Elektrik, vorne eine hydraulische Scheibenbremse, gummigelagerter Motor gegen Vibrationen auf langen Strecken, dazu Leichtmetallfelgen und eine moderne, touring-taugliche Sitzposition. Verkauft wurde sie in Westdeutschland – über Neckermann, per Versandkatalog. Günstig, zuverlässig, erfolgreich. Produziert wurde sie noch bis 1991, weit über das Ende der DDR hinaus.

Fazit

Makellos waren die DDR-Motorräder sicher nicht. Aber wer mit wenig Rohstoff und noch weniger Spielraum trotzdem Maschinen baut, die jahrzehntelang laufen und sich einfach reparieren lassen, hat mehr richtig gemacht als mancher Westhersteller mit Vollausstattung im Regal.

Quelle: »Motorräder aus der DDR – Dem Westen 20 Jahre voraus«, YouTube-Kanal Alles im Detail.

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